Werk 1930 — 1953


Paul Senns aktive Schaffenszeit dauerte von 1930 bis 1953. In diesem Zeitraum entstanden an die 90'000 Negative und tausende von Abzügen, die er praktisch ausschliesslich in Form von Reportagen verwertete, sei es, dass er diese im Auftrag oder auf eigene Initiative ausführte. Senns Fotografien trafen in einer Epoche, die von sozialem Wandel, Krisen, Krieg und Aufschwung geprägt war, Zeitgeist und Geschmack der Leserschaft und waren bei den Redaktionen der unterschiedlichsten Illustrierten und Zeitungen begehrt. Ein Grossteil der Aufnahmen stammen aus der Schweiz. Ebensoviele machte Senn auf ausgedehnten Reisen, die ihn über Europa hinaus nach Süd- und Nordamerika führten. Eine besondere Beziehung verband Senn mit Spanien, das er vor, während und nach dem Bürgerkrieg besuchte. Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur fotografierte Senn aus persönlichem oder dokumentarischem Antrieb.


Bauer und Arbeiter


Bauer, Wattenwil, 1934. Im Gaswerk, Bern, 1939. Imbiss, um 1943. Heimarbeiterin, 1943.

Paul Senns erste zehn Schaffensjahre waren von umwälzenden Ereignissen geprägt. Unbeschwerte Momente erlebte er nur zu Beginn und am Schluss der Karriere. Krise und Arbeitslosigkeit, später die gravierenden politischen Entwicklungen, wurden zu zentralen Themen. Für die «Zürcher Illustrierte» und verschiedene Berner Blätter entstanden Bildberichte über das Tagesgeschehen in der Bundesstadt und in den ländlichen Gegenden. Eine besondere Affinität verband Senn mit der bäuerlichen Bevölkerung und den Arbeitern. Für «Die Nation» machte er in den 1940er Jahren Sozialreportagen mit anklägerischer Schärfe. Etwa über das Elend der Heimarbeiterinnen im Emmental, über sexuellen Missbrauch oder über die Lage im Heim- und Anstaltswesen. Gedacht als Brückenschlag zwischen Stadt und Land fasst der Fotoband Bauer und Arbeiter sein Schaffen von 1930 bis 1943 zusammen.


Zweiter Weltkrieg


Mobilmachung, Bern, 1939. Soldaten, 1941. Grenzübertritt, 1940. Holzerinnen, 1941.

Die nationalsozialistische Bedrohung und die innere Einheit der Schweiz waren Themen im schweizerischen Alltag, die den Zweiten Weltkrieg schon ab 1935 ankündigten. Senns Bilder der ländlichen Welt aus diesen Jahren wurden zu Ikonen und halfen mit, die Geistige Landesverteidigung zu propagieren. Im Gegenzug verbot die Zensur Bilder Senns, die den Dienstalltag ungeschönt wiedergaben. Fotografien mit einem direkten Bezug zu den Kriegsgeschehnissen sind allerdings in der Minderzahl. Senn richtete seine Aufmerksamkeit ebenso sehr auf die Folgen im zivilen Bereich, so etwa auf den Einbezug der Frauen in die wirtschaftlichen Arbeitsabläufe.


Nachkriegsjahre


Köln, 1945. Gelsenkirchen, 1945. Paris, 1945. Strand bei Noli, 1948.

Das Kriegsende brachte die lang ersehnte Öffnung. Bereits 1944 hielt sich Paul Senn in den befreiten Zonen Frankreichs auf und brachte Zeugnisse der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft nach Hause. Aus eigenem Antrieb und im Auftrag von Hilfswerken entstanden Reportagen mit dramatischen Inhalten. Das Bedürfnis nach Vergessen und neuer Hoffnung brachte aber bald Themen in die Illustrierten, die mit optimistischem Ton den Aufbruch ins Zentrum rückten. Senn reiste wieder vermehrt und berichtete vor allem aus Italien, Süd- und Nordamerika mit lebensfreudigen und zukunftsfrohen Reportagen.


Spanien


Spanierin, 1935. Strassensängerin, 1936. Flüchtlinge, 1939. Flüchtlingsfrau, 1939.

Das betont schweizerische Image Paul Senns täuscht über seine weltoffene Art hinweg. Vor seiner Zeit als Reporter arbeitete er in den verschiedensten europäischen Ländern. Als Fotograf bereiste er praktisch ganz Europa und weite Teile Amerikas. Eine besondere Beziehung besass er zu Spanien. Zu Beginn der 1930er Jahre lernte er Pablo Casals kennen und besuchte ihn in seinem katalanischen Wohnort. Vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs entstanden Bildberichte aus Kultur, Arbeitswelt und Alltag. Später verfolgte er über Jahre hinweg die Auswirkungen der Kriegswirren hinter den Fronten. Unter anderem waren die Schweizer Spanien-Kämpfer ein Thema. Erschütternder Höhepunkt waren die Reportagen von 1939 über die Flüchtlingszüge nach Frankreich.


Amerika


Chicago, 1947. Schule, 1946. Grand Canyon, um 1947. Coney Island, 1947

Deutlichster Ausdruck des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Reportagen Paul Senns aus Amerika. Bereits 1939 hatte er sich ein erstes Mal in den USA aufgehalten und dabei in erster Linie Schweizer Auswanderer besucht. Nach 1945 berichtete er in Farbbildern vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, blieb sich aber in der Wahl seiner Sujets treu. Dem Grossartigen stellte Senn Bilder von Randständigen entgegen. In Mexiko tauchte er in die Kultur der Indios ein, in den USA fotografierte er Afroamerikaner und Obdachlose. In Kanada schliesslich besuchte er die Armenviertel.


Künstler


Pablo Casals. Aristide Maillol. Marguerite Frey-Surbeck. C. A. Loosli.

Die enge Nachbarschaft Fotografie-Kunst ist bei Paul Senn persönlicher Natur. Vom ursprünglichen Plan, selber Künstler zu werden, hatten ihm seine Eltern abgeraten. Zeitlebens aber bewegte er sich in Kunstkreisen. Die aus der gleichen Generation stammenden Leo Deck und Lindi waren seine Freunde. Darüber hinaus unterhielt er Kontakt zu zahlreichen anderen bildenden Künstlern, Musikern und Literaten. Pablo Casals lernte er bereits 1930 kennen. Mit dem Schriftsteller C. A. Loosli verband ihn das Interesse für Ferdinand Hodler und das Engagement für Randständige und sozial Schwächere. Das Projekt, schweizerische Maler und Bildhauer zu dokumentieren, nahm Senn in den ersten Kriegsjahren in Angriff, gab es aber wieder auf, als von offizieller Seite keine Unterstützung kam.